"Was Kultur- und Entwicklungsprojekte miteinander verbindet"
V-EZ Veranstaltung am 08. Juli 2010
Gesprächsrunde mit Dr. Dieter Strauss im Park der V-EZ in Bad Honnef, Foto: InWEnt gGmbH
Was haben Kultur- und Entwicklungspolitik gemeinsam und warum ist es wichtig, sich in der EZ mit kulturellen Fragen verstärkt auseinanderzusetzen? Dieser zentralen Frage sind wir am 8. Juli 2010 zusammen mit unserem Referenten Dr. Dieter Strauss nachgegangen. 33 Jahre Mitarbeit in den verschiedensten Funktionen des Goethe-Instituts in Europa, Asien, Nordafrika und Lateinamerika hat Strauss im Gepäck.
Bei tropischen Temperaturen, versammelt draußen im Uhlhofpark, begann der Referant seinen spannenden Ausflug in die Vergangenheit mit der Aufdeckung einer seiner großen Lieben: „Chacabuco, mon amour“.
Im Norden Chiles befindet sich die stillgelegte Salpeter-Arbeiterstadt Chacabuco, die unter Pinochet als Internierungslager für politische Gefangene (mit hohem Anteil an Intellektuellen) missbraucht und so zum Symbol politischer Unterdrückung wurde. Strauss besuchte das rundum verminte Chacabuco 1990 erstmals und stellte den raschen Verfall dieses wichtigen Monuments chilenischer Sozial- und Industriegeschichte fest. Also begann er Geld zu sammeln, um die wichtigsten Gebäude wieder herzustellen. Was bewogen ihn und das Goethe Institut zu diesem Schritt? Unverzichtbare Voraussetzung für Vergangenheitsbewältigung, Versöhnung und Demokratieentwicklung ist, dass den Opfern von Gräueltaten staatsterroristischer Regime Gerechtigkeit widerfährt. Die Aufarbeitung ihrer Geschichte gehört zu den zentralen Anliegen auch der deutschen Friedens- und Entwicklungspolitik. Dass das Engagement des Goethe Instituts, das dann noch Diskussionsrunden mit ehemaligen Gefangenen von Chacabuco organisierte, in Chile nicht nur freudig aufgenommen wurde, zeigten zwei Bombendrohungen...
Im Folgenden erläuterte Strauss die verschiedenen Phasen der auswärtigen Kulturpolitik (AKP).
In den 50er Jahren hatte die Wiederherstellung eines positiven Deutschlandbildes durch die Vermittlung der deutschen "Hochkultur“ Priorität. Die zweite Phase unter Willy Brandt war von Reformen in der AKP gekennzeichnet und suchte anders als zuvor, den interkulturellen Dialog mit den Partnerländern. Nun setzte sich ein erweiterter Kulturbegriff durch, der unter Kultur auch Lebensformen und Traditionen subsumierte. Die 80er und 90er Jahre waren dann wieder eher geprägt von einer traditionellen auswärtigen Kulturpolitik, doch erweitert um den europäischen Integrationsgedanken. Gegenwärtig befände sich die AKP, so Strauss, in der Management-Phase in dem das Prinzip „Management by Helikopter“ verfolgt würde. „Wir selbst verfügen kaum noch über Sachverstand und Kontakt zur Basis, wirbeln viel Staub auf und hauen schnell wieder ab“. Menschen wie Strauss scheinen in der auswärtigen Kulturpolitik zu der Gattung aussterbender Dinosaurier zu gehören...
Zurück zum Ausflug: Nun befinden wir uns in Sao Paulo, genau im renommierten MASP – Museo de Arte de Sao Paulo. Strauss und das Goethe Institut waren mal wieder dabei Brücken zu schlagen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Anfang des 19.Jahrhunderts startet der deutsche Baron Georg Heinrich von Langsdorff zusammen mit Aquarellisten wie Rugendas und Florence eine wagemutige Expedition ins Hinterland Brasiliens, bei der fast alle Mitglieder sterben. Relikte dieser Reise sind Tagebücher, Zeichnungen und Noten-Aufzeichungen, welche die Klänge des Amazonas und die Gesänge der Indigenen wiedergeben. Zwei Jahrhunderte später begibt sich Strauss auf die Spuren Langsdorffs. Das ganze resultiert schließlich im MASP, wo Kunstwerke, Filme, Soundcapes von heute, den Zeugnissen von damals gegenübergestellt werden. Das Projekt wird zum Beispiel für das Aufspüren der Geschichte der indigenen Bevölkerung, nicht unwichtig für Integration und nationale Identität Brasiliens. Es zeigt zudem auf, welch dramatische Umweltveränderungen sich in diesen letzten beiden Jahrhunderten ergeben haben. Dem Goethe Institut war es gelungen, mit lokalen Künstlern etwas Großartiges auf die Beine zu stellen.
Entwicklung und Kultur.
Führt man sich vor Augen, dass nach Umsätzen in der Weltwirtschaft die "Kulturindustrie" hinter der chemischen Industrie und noch vor der Energiewirtschaft Platz zwei einnimmt, so braucht man über deren Bedeutung für die internationalen Beziehungen nicht mehr viel Worte zu verlieren. Wie wichtig nun nimmt die deutsche Außen- und Entwicklungspolitik das Themenfeld Kultur? Die auswärtige Kultur- und Bildungspolitik hatte 2008 einen Anteil am Bundeshaushalt von 0,46 Prozent (zum Vergleich der Anteil des Einzelplans 23 beläuft sich 2010 auf 1,8 Prozent). Die AKP ist dem Auswärtigen Amt zugeordnet. Neueren Zeitungsberichten zu folge, soll die AKP erhebliche Einsparungen bei einem Kernziel hinnehmen müssen, auf dem Gebiet der Konfliktprävention.
Mag sein, dass es an der Ressortzuordnung liegt. Jedenfalls ist nicht zu erkennen, dass das BMZ dem Thema Kultur in der Vergangenheit einen besonderen Stellenwert beigemessen hätte. Dabei könnte die EZ im Sinne der UNESCO-Übereinkommen zur kulturellen Vielfalt (2007) erheblich mehr tun - etwa beim Aufbau von dynamischen, leistungsfähigen Kultursektoren in Entwicklungsländern als Motoren für Innovation und Veränderung.
Kultur ist Sektor und Dimension. Heißt es nicht zu recht: „Ohne Einbezug der sozio-kulturellen Faktoren keine nachhaltige Entwicklung?“ In der Vorbereitung der EZ-Fachkräfte spielt die Stärkung interkultureller Kompetenzen traditionell eine herausragende Rolle. Seit Jahren gibt es auch den Arbeitskreis „Kultur und Entwicklung“ aus entwicklungs- und kulturpolitischen Institutionen, der Beispiele für erfolgreiche kulturorientierte Projekte sammelt. Was Kultur- und Entwicklungsprojekte miteinander verbindet? Nach Strauss sind es vor allem die Werte und Kriterien einer zielgruppenorientierten, partnerschaftlichen Zusammenarbeit.
War mal wieder ein interessanter Abend, wie eine Teilnehmerin anmerkte.
Wer mehr erfahren möchte: Strauss, Dieter, Diesseits von Goethe - Deutsche Kulturbotschafter im Aus- und Inland, Adatia Verlag, Bonn 2009.
Dr. Werner Würtele (Abteilung 8.01 Entwicklungspolitik), Anna Teasca (Praktikantin 8.01)


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